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MedicalLearning – Blog zur Zukunft der medizinischen Information

ePA – was geht auf der Dauerbaustelle?

07. Juni 2026

Die elektronische Patientenakte (ePA) ist nicht mehr Zukunftsmusik. Aber so richtig in der Versorgung angekommen ist sie auch noch nicht. Ein Vor-Ort-Bericht von der Dauerbaustelle.

 

Seit Januar 2025 wurde für gesetzlich Versicherte automatisch eine ePA angelegt, sofern kein Widerspruch erfolgte. Nach dem bundesweiten Rollout im Frühjahr 2025 ist die Nutzung seit Oktober 2025 für Praxen, Krankenhäuser und Apotheken verpflichtend. Damit ist die ePA formal im Versorgungsalltag angekommen. Die entscheidende Frage lautet aber: Ist sie dort auch nutzbringend angekommen?

Eine aktueller Erfahrungsbericht von heise online trägt den bezeichnenden Titel „Gut gemeint, ist nicht gut gemacht“ [Link] und bringt das Kernproblem auf den Punkt: Digitale Gesundheitsversorgung verspricht Entlastung, in der Sprechstunde zeigt sich aber häufig ein anderes Bild. Heise verortet die ePA dabei nicht isoliert, sondern im Kontext der Telematikinfrastruktur insgesamt – mit E-Rezept, elektronischem Heilberufsausweis und den vielen kleinen Prozessbrüchen, die im Praxisalltag den Unterschied zwischen „digital“ und „funktional“ ausmachen.

Auch der Abschlussbericht der TI-Modellregionen beschreibt ein gemischtes Bild. Zu Beginn der Pilotierung traten häufig Zugriffsprobleme auf. Viele Akten waren leer oder enthielten keine Fremdbefunde. In Hausarztpraxen wurde die ePA zwar zunehmend befüllt, die Dokumentenliste war aber wegen fehlender Inhalte, unzureichender Metadaten und begrenzter Zeit im Patientengespräch oft nur eingeschränkt nutzbar [Link].

Aus Patientensicht verlief die Entwicklung ähnlich ambivalent. Der Medicallearning-Selbstversuch von 2021 war noch eine kleine Odyssee: App-Installation, fehlerhafte Anmeldung, unklare Supportantworten, notwendige Identifikation in der Kassenfiliale und am Ende eine zu alte Gesundheitskarte [Link]. Der Beitrag von Juli 2024 blickte entsprechend skeptisch auf den bevorstehenden Opt-out-Rollout: Die Idee war richtig, aber der Start drohte an unvollständigen Praxisanbindungen, PDF-Dokumenten statt strukturierter Daten und mangelnder Alltagstauglichkeit zu scheitern [Link].

Im November 2024 klang der Ton erstmals optimistischer: Login per PIN und NFC funktionierten, das E-Rezept war in der App sichtbar und konnte in der Apotheke per QR-Code eingelöst werden [Link]. Der Fortschritt war real – aber er beruhte auf einem einfachen, gut abgrenzbaren Anwendungsfall. Die eigentliche ePA als longitudinaler, sektorenübergreifender Informationsraum war damit noch nicht bewiesen.

Aktuelle Verbraucherperspektiven bestätigen diesen Befund. Zwar ist die ePA inzwischen sehr bekannt, aber ein großer Teil der Versicherten verwaltet die eigene Akte nicht aktiv. Das heißt: Die ePA ist rechtlich eine versichertengeführte Akte, praktisch aber oft eine Akte, die ohne aktive Versichertensteuerung existiert. Wer die App nicht nutzt, Zugriffsrechte nicht versteht oder keine digitalen Identifikationsverfahren beherrscht, hat formal eine ePA, aber kaum Patientensouveränität.

Medizinisch ist das Potenzial der ePA unbestritten. Eine aktuelle Medikationsliste, Entlassbriefe, Laborwerte, Impfstatus, Notfalldaten und künftig strukturierte Medikationspläne könnten Anamnese, Arzneimitteltherapiesicherheit und Versorgungskontinuität deutlich verbessern. Das Problem: Dieser klinische Nutzen entsteht erst, wenn Informationen vollständig genug, auffindbar, aktuell und in den Workflow integriert sind.

Der Stand der Dinge lautet daher: Die ePA ist da, aber noch nicht reif. Sie scheitert nicht an der Idee, sondern an der Implementierung. Die ePA muss weniger beworben als verbessert werden. Nicht mehr Versprechen, sondern weniger Reibung. Nicht mehr Opt-out als politischer Erfolg, sondern aktive Nutzung als Versorgungsgewinn. Erst dann wird aus „gut gemeint“ irgendwann auch „gut gemacht“.

Text: Reinhard Merz
Bild: chatGPT für arztCME

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