Arthrose: Diagnostik und Therapie

Zertifiziert in D, A bis 05.07.2024, 2 CME-Punkt(e), Faxteilnahme möglich

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Die Arthrose ist die häufigste Gelenkerkrankung weltweit. Typisch für eine Arthrose-Erkrankung ist die schrittweise Zerstörung des Gelenkknorpels, die bis zum Offenlegen der Knochenoberfläche führen kann. Angrenzende Knochen, Muskeln und Bänder sind oft ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Die Betroffenen leiden an zum Teil schweren körperlichen Einschränkungen und Behinderungen, die ihren Alltag und ihr Berufsleben stark beeinträchtigen.
Aufgrund der massiven Einschränkungen und des chronischen Krankheitsverlaufs kommt einer frühzeitigen Diagnose und effektiven Therapie eine wichtige Rolle zu.
Diese CME gibt einen Überblick zur Prävalenz und Pathogenese der Arthrose und umreißt das leitlinienbasierte Wissen zu Diagnostik und Therapie des arthrotischen Knie- und Hüftgelenks.

Tutorielle Unterstützung

Die tutorielle Unterstützung der Fortbildungsteilnehmer erfolgt durch unseren ärztlichen Leiter Dr. med. Alexander Voigt in Zusammenarbeit mit der arztCME-Redaktion. Inhaltliche Fragen können über das Kommentarfeld, direkt per Mail an service@arztcme.de oder via Telefon unter Tel.: +49(0)180-3000759 gestellt werden. Inhaltliche Fragen werden von unserem ärztlichen Leiter bzw. nach Rücksprache mit diesem und evtl. dem Autor auch von der arztCME-Redaktion beantwortet.

Technischer Support

Der technische Support der arztCME-Online-Akademie erfolgt durch geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Betreibers health&media GmbH unter der E-Mail-Adresse technik@arztcme.de oder via Telefon unter Tel.: 49(0)180-3000759.

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Zertifiziert in:D, A
Zeitraum:06.07.2023 - 05.07.2024
Punkte:2 CME-Punkte
VNR:2760602023214230006
Zertifiziert von:Landesärztekammer Hessen
Faxteilnahme:Ja
Autor/innen:Prof. Dr. med. Stefan Sell
Sponsor:
Veranstalter:health&media GmbH

Transparenzinformation

Kursinhalt

Einleitung

Die Arthrose ist die weltweit häufigste Gelenkerkrankung. Die schrittweise Zerstörung des Gelenkknorpels kann bis zum Offenlegen der Knochenoberfläche führen. Oft sind auch angrenzende Knochen, Muskeln und Bänder in Mitleidenschaft gezogen, was körperliche Einschränkungen und Behinderungen mit sich bringen kann. Wir erleben eine deutliche Zunahme der Arthrose der verschiedenen Gelenke in unseren Sprechstunden. Die Ursache wird meist in zunehmendem Lebensalter, der Zunahme von Risikofaktoren wie Adipositas, Inaktivität und hoher Belastung gesehen. Aktuelle Analysen zeigen bei der Kniearthrose noch eine deutliche Zunahme über dem erwarteten Anstieg aus längerer Lebenszeit und Adipositas. Die Prävalenz der Kniearthrose hat sich in den Untersuchungen seit dem mittleren 20. Jahrhundert verdoppelt [1]. Neben der Häufigkeit des Auftretens ist der chronische Verlauf der Arthrose sowohl sozialmedizinisch, aber auch gesundheitspolitisch und gesundheitsökonomisch von hoher Relevanz.
Angesichts der aktuellen demographischen Entwicklung mit einer zunehmend alternden Bevölkerung ist in Zukunft mit einem weiteren Anstieg von Arthrose-Erkrankungen zu rechnen. Das Thema „Arthrose“ bleibt also hochaktuell. Diese CME-Fortbildung gibt einen Überblick zu Klassifizierung, Prävalenz und Pathogenese der Arthrose und umreißt das leitlinienbasierte Wissen zu Diagnostik und Therapie des arthrotischen Knie- und Hüftgelenks.

Klassifizierung

In der ICD-10 sind unter dem Abschnitt M15-M19 die Arthrose-Erkrankungen zusammen- gefasst (Tab. 1). Sie sind dort unter den Arthropathien (M00-M25) aufgeführt.

Die Kniegelenksarthrose wird in der ICD-10 unter dem Code M17 aufgeführt.

Tab. 1: Klassifikation der Arthrose nach ICD-10-GM Version 2018, Ausschnitt [adaptiert nach 2]

Prävalenz

Die Altersgruppe mit der höchsten Arthrose-Prävalenz ist mit 41 % die Gruppe der über 80-Jährigen [3] (Abb. 1). Frauen sind deutlich häufiger von Arthrose betroffen als Männer (22,3 % vs. 18,1 %) [4].

Die über 80-Jährigen zählen zur Altersgruppe mit der höchsten Arthrose-Prävalenz.

Abb. 1: Arthrose-Prävalenz nach Altersgruppen [adaptiert nach 3]

Aber auch die Folgen einer ungesunden Lebensweise in breiten Teilen der Bevölkerung mittleren Alters (> 45 Jahre) lassen die muskuloskelettalen Erkrankungen, insbesondere die Arthrose, in Statistiken weit oben erscheinen. In einer aktuellen epidemiologischen Untersuchung des Robert Koch-Instituts [5] berichten 17 % der Erwachsenen in Deutschland von einer Arthrose in den letzten 12 Monaten. Die 12-Monats-Prävalenz einer Arthrose stieg ab dem mittleren Erwachsenenalter deutlich an. Bei Frauen wurde eine hohe Arthrose-Prävalenz in unteren Bildungsschichten und eine niedrige Arthrose- Prävalenz in oberen Bildungsschichten beobachtet. Bei Männern waren die Bildungsunterschiede geringer.
Bei beiden Geschlechtern war bei mehr als der Hälfte der Befragten einer großangelegten Gesundheitsstudie in Deutschland (DEGS1) das Knie von einer Arthrose (Gonarthrose) betroffen, bei jeweils einem Viertel die Hüfte (Koxarthrose). Deutlich mehr Frauen als Männer berichteten eine Arthrose an den Fingergelenken (36,6 % vs. 15,7 %) [4].
Die Gonarthrose zählt zu den häufigen Arthrose-Erkrankungen mit klinisch und radiologisch sehr unterschiedlicher Prävalenz. In der Altersgruppe der 70- bis 74-Jährigen sind bis zu 40 Prozent betroffen [6]. Die GKV Gesetzliche Krankversicherung meldete für das Jahr 2020 insgesamt 129.717 Arbeitsunfähigkeitsfälle ihrer Pflichtmitglieder wegen einer Gonarthrose-Erkrankung (M17). Männer meldeten sich deswegen häufiger krank als Frauen (73.407 vs. 56.309 Fälle) [7].
Etwa 15-20 % der über 60-Jährigen in den westlichen Industrieländern haben eine Koxarthrose. Infolge der demographischen Entwicklung werden diese Zahlen noch weiter steigen [8].

Risikofaktoren

Unabänderliche Risikofakto- ren für die Entstehung einer Arthrose sind steigendes Alter, weibliches Geschlecht und eine genetische Veranlagung.

Steigendes Alter, weibliches Geschlecht und eine genetische Veranlagung gelten als unabänderliche Risikofaktoren für eine Arthrose. Zu den erworbenen Ursachen oder Mitauslösern einer Arthrose zählen eine Über- und Fehlbelastung der Gelenke durch angeborene Deformitäten, wie zum Beispiel Achsenfehlstellungen oder Hüftgelenkdysplasien, nach Verletzungen, Unfällen und durch Übergewicht [4].

Primäre und sekundäre Arthrose

Die primäre Arthrose ist die häufigste Untergruppe der Krankheit und wird ohne ein vorhergehendes Trauma oder eine prädisponierende Erkrankung diagnostiziert, ist aber mit den genannten Risikofaktoren verbunden.
Die sekundäre Arthrose tritt bei einer vorbestehenden Gelenkanomalie auf. Zu den prädisponierenden Bedingungen gehören Verletzungen, angeborene Gelenkerkrankungen, entzündliche Arthritis, avaskuläre Nekrose, infektiöse Arthritis, Paget-Krankheit, Osteopetrose, Osteochondritis dissecans, Stoffwechselstörungen (Hämochromatose, Morbus Wilson), Hämoglobinopathie, Ehlers-Danlos-Syndrom oder Marfan-Syndrom [9].

Pathogenese

Die Arthrose-Entstehung ist ein multifaktorielles Geschehen.

Die Entstehung einer Arthrose ist ein multifaktorielles Geschehen. Ausgehend von einer Beanspruchung und ätiologisch wirksamen Faktoren kommt es zunächst zu einer reversiblen Matrixdegradation. Verlaufen Reparaturversuche nicht erfolgreich, wird diese irreversibel. Das „mechanosensitive“ Antwortverhalten des Knorpels beinhaltet vor allem zwei Prozesse: die Abgabe von Wachstumsfaktoren aus der Matrix als Reparaturstimulation und die Aktivierung entzündlicher Prozesse, die „Mechanoflammation“. Das exakte Wechselspiel der Prozesse wird weiterhin erforscht [10]. Damit nimmt die Verschlechterung der Gelenksituation ihren Lauf: Eine begleitende Synovitis und das Freisetzen von Zytokinen führen zu einer Inkongruenz des Gelenks mit Knorpelsubstanzverlust, Sklerose sowie der Bildung subchondrialer Zysten und der Ausbreitung von Osteophyten. In der Folge kommt es zu einem Malalignement (Fehlstellung) und Kongruenzverlust, Kennzeichen einer fortgeschrittenen Arthrose [6] (Abb. 2).

Abb. 2: Degenerative Veränderungen des arthrotischen Kniegelenks.

 

Diagnose

Anamnese

Gonarthrose

Die Erhebung einer ausführlichen Anamnese ist ein wesentliches Element im Rahmen der Diagnose.

Im Rahmen einer ausführlichen Anamnese werden zunächst die körperlichen Beschwer- den und Funktionsfähigkeit sowie die nichtkörperlichen Beschwerden und Ursachen erhoben. In die Anamnese einzubeziehen sind auch Fragen zur biopsychosozialen Lebenswelt des Patienten, also zur Arbeitswelt, Freizeitgestaltung, zu psychologischen Belastungen sowie sonstigen körperlichen und psychosozialen Risikofaktoren (Tab. 2).

Tab. 2: Anamneseerhebung bei Gonarthrose [adaptiert nach 11]

Eine umfassende Aufklärung über die Erkrankung hilft, die Motivation der Betroffenen, sich an der Therapie zu beteiligen, zu steigern.

Generell gilt: Im Sinne einer motivationalen Beratung sollen die Patienten über die Erkrankung, Vorbeugung der Krankheitsprogression, Verbesserung der Lebensqualität und Mobilität aufgeklärt werden. Die Motivation der Betroffenen, sich an der Therapie zu beteiligen und Behandlungsverantwortung zu übernehmen, ist mitentscheidend für den Beschwerde- und Krankheitsverlauf [11].

Koxarthrose

Im Rahmen der Anamnese werden die persönlichen Daten des Patienten erfasst. Faktoren wie das Alter, Größe und Gewicht dienen der Ermittlung vorhandener prädisponierender Faktoren für das Entstehen einer Koxarthrose (weibliches Geschlecht, BMI
≥ 25, höheres Lebensalter). Die Sozial- und Familienanamnese hilft, den individuellen Leidensdruck und die vom Patienten zu erwartende Compliance einzuschätzen. Zudem können sich Hinweise auf das etwaige Vorliegen einer familiär gehäuft auftretenden Koxarthrose und / oder einer familiär gehäuft auftretenden Hüftdysplasie als Risikofaktoren für das Entstehen einer Koxarthrose ergeben. Eine Hyperurikämie und ein Diabetes mellitus sind prädisponierend für eine Koxarthrose und sollen ebenfalls anamnestisch erfragt werden.
Im Zuge der speziellen Anamnese werden Angaben zu Hüftbeschwerden genauer hinterfragt (Tab. 3). Dabei empfiehlt die aktuelle Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie e. V. die Kriterien des American College of Rheumatology (ACR) (Tab. 4) heranzuziehen [8].

Tab. 3: Anamnese bei Koxarthrose [adaptiert nach 8]

Tab. 4: Kriterien des American College of Rheumatology für die Diagnose einer Koxarthrose mit
Spezifität und Sensitivität [adaptiert nach 12]

 

Nach der Erhebung einer allgemeinen sowie speziellen Anamnese erfolgt die klinische und ggf. bildgebende Diagnostik.

Klinisch

Ein typischer Leitbefund für eine Arthrose ist der Anlaufschmerz.

Je nach Arthrose-Lokalisation sind die einzelnen Funktionsstörungen unterschiedlich ausgeprägt. Die Koxarthrose beispielsweise verursacht weniger Schmerzen (außer im späten Stadium, wo die Koxarthrose dekompensiert und der Schmerz unerträglich werden kann), behindert aber vor allem durch die gestörte Funktion beim Stehen und Laufen. Beim Kniegelenk hingegen ist der Schmerz das Leitsymptom [13]. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e. V. (DGRh) verweist, in Abgrenzung zur Arthritis, auf folgende Leitbefunde der Arthrose [adaptiert nach 14]:

  • kein Ruheschmerz (außer im sehr späten Stadium massiv verstärkt)
  • selten Bewegungsschmerz
  • Schmerzmaximum abends, nach Belastung
  • Morgensteifigkeit (Warmlaufschmerz)
  • Anlaufschmerz
  • oft Besserung durch Wärme
  • keine weiche Gelenkschwellung
  • knöcherne Gelenkverbreiterung möglich
  • Schmerzzunahme Monate bis Jahre

Gemäß aktueller Leitlinie des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) wird die Diagnose einer Arthrose vorrangig klinisch gestellt und kommt gewöhnlich ohne weitere Bildgebung aus. Die Patienten sind meist 45 Jahre oder älter, haben aktivitätsbedingte Gelenkschmerzen und entweder keine gelenkbezogene Morgensteifigkeit oder eine Morgensteifigkeit, die nicht länger als 30 Minuten anhält [15].
Eine wichtige Differenzialdiagnose stellen rheumatische Erkrankungen dar. Die diagnostische Abgrenzung der beiden Erkrankungen – Arthrose und Arthritis – ist therapeutisch von großer Bedeutung. Insbesondere bei der frühen rheumatoiden Arthritis gilt es schnell eine entsprechende medikamentöse Basistherapie einzuleiten. Vor allem bei Fingergelenkspolyarthrosen ist der differenzialdiagnostische Ausschluss einer rheumatoiden Arthritis [Tab. 5] sinnvoll.
Die Klassifikation erzeugt mit ihren vier Kriterien einen Punktwert zwischen 0 und 10 Punkten. Die Diagnose kann bei einer Punktzahl von ≥ 6 Punkten gestellt werden.

Tab. 5: Klassifikationskriterien der rheumatoiden Arthritis (2010). American College of Rheumatology
(ACR) / European League Against Rheumatism (EULAR) [16]

Gonarthrose

Gemäß AWMF-Leitlinie [11] soll die Diagnose der Gonarthrose klinisch und radiologisch gestellt werden. Dabei soll eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung mit Durchführung verschiedener Tests vor der Interpretation von Röntgenbildern stehen. Die Inspektion zu Haltung, Körperstatik, Bewegungsablauf, Gangbild, Bewegungsausmaß, die Palpation bzw. manuelle Untersuchung sind wichtige Bestandteile der klinischen Untersuchung (Tab. 6). Ergänzend liefern Funktionstests (Tab. 7) und die Neutral- Null-Methode wichtige Hinweise zum Zustand des betroffenen Knies.

Bewegungseinschränkungen oder Funktionsstörungen sind oft Ausdruck der Dysbalance zwischen Belastung und Belastbarkeit.

Intensität, Lokalisation, Ausmaß, Häufigkeit und Qualität des Schmerzes müssen erfragt werden. Zu prüfen ist, ob ein Belastungsschmerz, Bewegungsschmerz, Anlauf- schmerz, Ruheschmerz oder Nachtschmerz vorliegt. Bewegungseinschränkungen und
/ oder Funktionsstörungen (z. B. Hinken, Schwierigkeiten beim Ankleiden) sind oft Aus- druck der Dysbalance zwischen Belastung und Belastbarkeit [11].

Koxarthrose
Verkürzungshinken, Schmerz- hinken und Muskelinsuffizienz- hinken sind typische Zeichen einer Koxarthrose.

Eine Koxarthrose kann meist „mit hinreichender Wahrscheinlichkeit“ [8] anhand von Anamnese sowie klinischem und radiologischem Befund diagnostiziert werden.
Die allgemeine klinische Diagnostik bei Vorliegen von Hüftbeschwerden soll laut AWMF-Leitlinie [8] eine Inspektion (Schwellung, Rötung, Überwärmung), die Beurteilung der Durchblutung sowie eine orientierende neurologische Untersuchung (Motorik, Sensibilität) der unteren Extremitäten umfassen. Die Methoden der speziellen klinischen Untersuchung sind in Tabelle 8 zusammengefasst.
Bei der Untersuchung des Gangbildes wird auf ein mögliches Verkürzungshinken, Schmerzhinken und Muskelinsuffizienzhinken (Trendelenburg- und Duchenne-Zeichen) geachtet. Mithilfe der Neutral-Null-Methode (Extension / Flexion, Abduktion / Adduktion, Außenrotation / Innenrotation bei 90° Hüftbeugung und Hüftstreckung), dem Thomas Handgriff und dem Drehmann-Zeichen kann das Bewegungsausmaß der betroffenen Hüfte beurteilt werden.

Funktionstests und die Neutral- Null-Methode liefern wichtige Hinweise zum Zustand des schmerzenden Knies.

Tab. 6: Klinische Untersuchung des Knies [adaptiert nach 11]

Tab. 7: Funktionstests [adaptiert nach 11]

Tab. 8: Spezielle klinische Untersuchung bei Hüftbeschwerden [adaptiert nach 8]

 

Bildgebung

Es können erhebliche Veränderungen im Röntgenbild sichtbar werden, ohne dass die Betroffenen unter deutlichen Schmerzen oder Funktionsstörungen leiden (z. B. Fingerarthrosen). Bei Arthrosen der Schulter, dem Ellenbogen- und Handgelenk, aber auch bei den Wirbelgelenken sind die Pathologien vor allem im Bereich der degenerativ veränderten Weichteile (Bänder, Sehnen bzw. der Bandscheiben) zu finden, der primäre Knorpelschaden bzw. die radiologische Arthrose spielen hier oftmals eine eher unter- geordnete Rolle [13].
Die aktuelle NICE-Leitlinie empfiehlt, die Bildgebung nicht routinemäßig zur Diagnose einer Arthrose heranzuziehen, es sei denn, es liegen atypische Merkmale oder Merkmale, die auf eine weitere Diagnose hinweisen, vor [15].

Gonarthrose
Radiologische Veränderungen bedeuten nicht immer Funktionsstörungen oder Schmerzen.

Typisch für eine Gonarthrose sind eine fortschreitende Zerstörung des Gelenkknorpels unter Mitbeteiligung von Bändern, Knochen, synovialer und fibröser Gelenkkapsel so- wie periartikulärer Muskulatur. Nicht alle Patienten mit radiologischen Veränderungen haben Funktionsstörungen oder Schmerzen [11].

Röntgen

Die primäre bildgebende Diagnostik ist das konventionelle Röntgen (Abb. 3).

Abb. 3a+b: links gesundes Knie, re Gonarthrose a. p. gestreckt im Röntgenbild

 

Eine verminderte Gelenk- spaltweite, eine subchondrale Sklerose bzw. die Ausbildung von Geröllzysten und Appositionsosteophyten sind radiologische Arthrose-Zeichen.

Zur besseren Auswertbarkeit in der Frontalebene erfolgt die Aufnahme idealerweise im belasteten Zustand [11], dabei ist beim Knie eine Aufnahme in gestrecktem und leicht gebeugtem Zustand sinnvoll. Zu den radiologischen Arthrose-Zeichen zählen die Verminderung der Gelenkspaltweite, die subchondrale Sklerose bzw. Ausbildung von Geröllzysten und Appositionsosteophyten [13]. Für die Beurteilung des Arthrose-Grads an Hüft- und Kniegelenk sollte die radiologische Schweregradeinteilung nach Kellgren und Lawrence [17] herangezogen werden (Tab. 9).

Tab. 9: Radiologische Schweregradeinteilung nach Kellgren und Lawrence [adaptiert nach 8]

Relevante klinische Scores für die Beurteilung des Kniegelenks sind: Oxford-Score 1998, Knee-Society-Score, KOOS (Knee injury and Osteoarthritis Outcome Score), WOMAC (Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index). Das klinische Bild ist durch entzündliche und nichtentzündliche Phasen gekennzeichnet [11].
Eine weiterführende bildgebende Diagnostik sollte nur bei speziellen Fragestellungen bzw. zur Differenzialdiagnostik in Betracht gezogen werden. Häufige Differenzialdiagnosen sind rheumatoide Arthritiden, Meniskusschäden, Hüftgelenkserkrankungen, Osteochondrosis dissecans, Morbus Ahlbäck, Tumore und Metastasen, bakterielle Infektion, Bursitiden, Insertionstendopathien, pseudoradikuläre Syndrome, neurogene Störungen, gefäßbedingte Erkrankungen und subkutane Symptomenkomplexe [11].

Magnetresonanztomographie (MRT)

Der Zustand des Knorpels kann mithilfe der MRT-Untersuchung festgestellt werden. Das „ICRS Hyaline Cartilage Lesion Classification System“ (Tab. 10) gilt hier als internationale Standardklassifikation zur Klassifikation von Knorpelschäden [18].

Tab. 10: ICRS Hyaline Cartilage Lesion Classification System [adaptiert nach 11]

Koxarthrose

Abhängig von Alter, Dauer der Schmerzen und möglichen Differenzialdiagnosen sollte gemäß Leitlinie der Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und orthopädische Chirurgie
e. V. (DGOOC) [8] bei anhaltenden Hüftbeschwerden eine bildgebende Diagnostik durchgeführt werden.

Röntgen

Zuverlässige radiologischen Zeichen der Koxarthrose sind: Gelenkspaltverschmälerung, Geröllzysten, subchondrale Sklerosierung und Osteophyten (Abb. 4).

Abb. 4a+b: links gesunde Hüfte, re Koxarthrose im Röntgenbild

 

Die radiologische Schweregradeinteilung der Hüft- und Kniegelenk-Arthrose sollte nach Kellgren und Lawrence erfolgen.

Die Veränderungen im Röntgenbild müssen mit dem Ausmaß der Hüftbeschwerden und mit dem klinischen Befund nicht in Zusammenhang stehen. Weitere bildgebende Verfahren wie die Sonographie, Magnetresonanztomographie (MRT), Computertomographie und Szintigraphie können dabei helfen und somit indiziert sein, die Diagnose
„Koxarthrose“ zu erhärten bzw. von anderen Erkrankungen abzugrenzen.
Die Stadieneinteilungen in den klinischen und radiologischen Scores dienen vor allem zur Beurteilung des Therapieergebnisses sowie zur Verlaufskontrolle im Rahmen von klinischen Untersuchungen. Als vorrangige Kriterien zur Therapieentscheidung bei Koxarthrose sind sie nicht geeignet. Die radiologische Stadieneinteilung der Koxarthrose sollte nach Kellgren und Lawrence erfolgen (Tab. 9). Für die klinische Stadieneinteilung der Koxarthrose sind relevant: Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index (WOMAC), Arthrose-Index von Bellamy und Buchanan (1986), Harris Hip Score (HHS, 1969), Score nach Merle d‘Aubignè, Score nach Lequesne et al. (1987) sowie der SF-36-Fragebogen. Intra- und extraartikuläre Differenzialdiagnosen sollten bedacht werden [8].

Therapie

Nichtmedikamentöse Therapie

Die Behandlung einer Arthrose richtet sich nach den Symptomen und der körperlichen Funktionsfähigkeit. Neben Informationen und allgemeiner Unterstützung sind Bewegungsangebote und Gewichtsmanagement wesentliche Pfeiler der Therapie [15] (Abb. 5).

Bewegungsangebote und Gewichtsmanagement sind wichtige Elemente der Arthrose-Therapie.

Abb. 5: Pyramide der Arthrose-Therapie

 

Arthrose-Basismaßnahmen – Prävention:

Adipositas stellt einen Risikofaktor insbesondere bei der Kniearthrose dar. Patienten können bei Adipositas bereits durch eine Abnahme des Körpergewichts um 5 % die klinische Symptomatik der Gonarthrose positiv beeinflussen [19]. Menschen mit Übergewicht oder Fettleibigkeit müssen darauf hingewiesen werden, dass eine Gewichtsabnahme die Lebensqualität und körperliche Funktion verbessert und Schmerzen verringert. Betroffene sollten beim Ziel, Gewicht zu reduzieren, unterstützt werden.
Spezifische Umstellungen der Ernährung scheinen einen positiven Effekt auf die klinischen Beschwerden der Arthrose zu haben. Dabei spielt vor allem die erhöhte Einnahme von alpha-Omega-3-Fettsäuren, z. B. aus fettem Fisch, eine Rolle. Auch erhöhtes Serum-Cholesterol scheint eine positive Assoziation zur Osteoarthrose zu haben [20].

Belastungen / Sport und Training:

Arthrose-Patienten sollten, individuell zugeschnittene, betreute therapeutische Übungseinheiten wahrnehmen.

Spezifische Patiententrainingsprogramme, verbunden mit einer entsprechenden Schulung, können die Notwendigkeit einer Hüftprothese bei Arthrose des Hüftgelenks in einem 6-Jahresverlauf um 44 % reduzieren [21].

Arthrose-Patienten sollten, individuell zugeschnitten, betreute therapeutische Übungseinheiten wahrnehmen, zum Beispiel zur lokalen Muskelstärkung oder zur Verbesserung der allgemeinen aeroben Fitness. Die Betroffenen sind darauf hinzuweisen, dass die Übungen möglicherweise zu Beginn Schmerzen oder Unbehagen verursachen, aber die langfristige Einhaltung eines Übungsplans die Gelenke schont, Schmerzen reduziert und die Funktion verbessert. Therapeutische Bewegungsangebote können gemeinsam mit weiteren Schulungen oder einer Anleitung zur Verhaltensänderung weitere Ansätze im Rahmen eines strukturierten Behandlungspakets sein. Manuelle Therapie sollte nur bei Hüft- und Kniearthrose sowie begleitend zu therapeutischen Übungen in Erwägung gezogen werden.

Für Arthrose-Patienten geeignete Sportarten beinhalten gleichförmige Bewegungsabläufe, wie z. B. Schwimmen, Radfahren und Wandern in der Ebene, Skilanglauf und Gymnastik.

Sportarten für Patienten mit Arthrose sind vor allem Sportarten, die gleichförmige Bewegungsabläufe beinhalten, wie z. B. Schwimmen, Radfahren und Wandern in der Ebene, Skilanglauf und Gymnastik. Weniger geeignet sind Sportarten, bei denen abrupte