In dieser Woche geht es einmal nicht um KI, sondern um die zweite Dauerbaustelle für die Zukunft der medizinischen Information. Eine Bestandsaufnahme der Telematikinfrastruktur – Stand Ende September 2026.
E-Rezept, elektronische Patientenakte und digitale Kommunikation sind inzwischen im Versorgungsalltag angekommen. Gleichzeitig kämpfen Arztpraxen weiterhin mit technischen Störungen, umständlicher Software und wiederkehrenden Umstellungen.
Lange galt die Telematikinfrastruktur (TI) vielen Ärztinnen und Ärzten vor allem als Synonym für Konnektoren, Kartenterminals, Fehlermeldungen und zusätzlichen administrativen Aufwand. Dieses Bild beginnt sich zu verändern. 2026 sind zentrale TI-Anwendungen tatsächlich im Versorgungsalltag angekommen. E-Rezept, Kommunikation im Medizinwesen (KIM) und die elektronische Patientenakte (ePA) werden inzwischen in großer Breite genutzt. Von einer störungsfreien digitalen Infrastruktur kann allerdings noch keine Rede sein.
Der TI-Atlas 2026 der gematik zeichnet erwartungsgemäß ein vergleichsweise positives Bild. Knapp 70 % der Arztpraxen arbeiten demnach bereits intensiv mit der ePA, in Krankenhäusern nutzt etwa die Hälfte die Akte kontinuierlich. Unter den regelmäßig ePA-nutzenden Praxen berichten 54 %, dass sie Patientinnen und Patienten mithilfe der ePA beziehungsweise der elektronischen Medikationsliste (eML) bereits besser behandeln konnten [1].
Besonders deutlich wird der potenzielle Nutzen bei der Arzneimitteltherapiesicherheit. Mehr als 90 % der Apotheken, die regelmäßig auf die eML zugreifen, haben nach Angaben des TI-Atlas bereits mindestens einmal ein potenzielles Medikationsrisiko erkannt [1]. Wichtig ist allerdings: Dies sind Befragungsdaten und keine kontrollierten Daten zu klinischen Endpunkten.
Auch der Informationsaustausch scheint sich zu verbessern. 70 % der befragten Arztpraxen und 85 % der Krankenhäuser bewerten den Austausch von Gesundheitsdaten inzwischen positiver als zuvor [1]. Damit beginnt sich eines der zentralen Versprechen der TI – medizinische Informationen sektorenübergreifend verfügbar zu machen – zumindest teilweise einzulösen.
Die Technik bleibt die Achillesferse
Der Blick aus den Praxen fällt jedoch deutlich weniger euphorisch aus. Eine KBV-Befragung von rund 4.500 Praxen zeigte Anfang 2026 zwar, dass 80 % bereits Dokumente in die ePA eingestellt hatten. Gleichzeitig berichteten fast 60 % der Befragten, in den vorausgegangenen Wochen mindestens einmal keinen Zugriff auf eine Patientenakte gehabt zu haben. Bei 53 % war der Zugriff zeitweise sehr langsam, mehr als ein Drittel konnte zeitweise keine Dokumente einstellen. Bei 27 % war seit Einführung der ePA mindestens einmal das Praxisverwaltungssystem abgestürzt [2].
Dass Digitalisierung nicht automatisch Entlastung bedeutet, zeigt auch das PVS-Monitoring des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi). Die Daten aus der Befragung 2025 zeigen weiterhin eine verbreitete Unzufriedenheit mit Praxisverwaltungssystemen. Fehler bei TI-Anwendungen und insbesondere beim E-Rezept werden als relevanter Belastungsfaktor beschrieben. Rund ein Drittel der Praxen erwog einen Wechsel des PVS [3].
Auch in der ÄrzteZeitung berichten digital affine Praktiker von einem paradoxen Effekt: Gut integrierte Anwendungen können Prozesse deutlich vereinfachen. Instabile TI-Verbindungen, schlecht implementierte Schnittstellen oder notwendige Techniker-Einsätze können diesen Gewinn jedoch schnell wieder zunichtemachen [4]. Entscheidend ist deshalb zunehmend nicht mehr allein, ob eine TI-Anwendung verfügbar ist, sondern wie gut sie in das jeweilige PVS und den Praxisworkflow integriert wurde.
Immerhin deutet sich auch bei der technischen Zuverlässigkeit eine Verbesserung an. Im TI-Atlas 2026 bewerten 69 % der Arztpraxen die TI inzwischen als stabil. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem deutlichen Anstieg [1]. Einen Anteil daran dürfte das TI-Gateway haben, das klassische Konnektorstrukturen schrittweise ablösen soll. Insbesondere Krankenhäuser berichten nach der Umstellung häufiger über stabilere Verbindungen und schnellere Reaktionszeiten.
Die Entwicklung weist damit bereits in Richtung TI 2.0. Im Juni 2026 haben die Gesellschafter der gematik die Erarbeitung eines Fahrplans zur grundlegenden Modernisierung beschlossen. Statt vieler separat betriebener technischer Strukturen sollen zentrale Dienste künftig stärker auf einer gemeinsamen Plattformarchitektur aufbauen. Vorgesehen sind unter anderem Open-Source-Komponenten, cloudbasierte Betriebsmodelle, digitale Identitäten und weniger spezielle Hardware in den Einrichtungen [5].
Das ist allerdings noch Zukunftsmusik: Der Übergang zur TI 2.0 hat begonnen, die neue Architektur ist aber längst noch nicht flächendeckende Realität.
Wie anspruchsvoll der Betrieb einer solchen Infrastruktur bleibt, zeigt aktuell die Umstellung der Kryptografie von RSA auf ECC. Praxen sollen ihre Konnektoren bis zum 30. September 2026 entsprechend aktualisieren. Ab dem 1. Oktober werden neue elektronische Gesundheitskarten ausgegeben, die ausschließlich das modernere ECC-Verfahren unterstützen [6]. Die Migration erhöht langfristig das Sicherheitsniveau, bringt kurzfristig jedoch erneut Updatebedarf und potenzielle Störungen mit sich.
Fazit: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel
2026 lässt sich die Telematikinfrastruktur kaum noch als gescheitertes Digitalprojekt abtun. E-Rezept, ePA und KIM werden millionenfach genutzt, und erstmals lässt sich auch ein konkreter medizinischer Nutzen erkennen. Gleichzeitig ist die Kritik aus den Praxen keineswegs überholt.
Der Gesamtzustand ähnelt von daher Ende September 2026 dem der deutschen Fußballnationalmannschaft. Die Veränderungen der letzten Monate geben schon ein wenig Anlass zum Optimismus. Doch die aktuellen Ergebnisse machen weder die Nationalmannschaft noch die Telematikinfrastruktur zu Anwärtern auf einen internationalen Titel. Da wartet noch eine Menge Arbeit.
Text: Reinhard Merz
Bild: openAI für arztCME
Quellen:
- gematik. TI-Atlas 2026: Digitalisierung im Gesundheitswesen. 2026.
- Kassenärztliche Bundesvereinigung. Umfrage zeigt: Praxen setzen die ePA aktiv ein – Technische Umsetzung muss weiter verbessert werden. 5. Februar 2026.
- Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung. Unzufriedenheit mit Praxissoftware nach wie vor weit verbreitet. 15. Januar 2026.
- ÄrzteZeitung. Wo drückt Ärzten bei der Digitalisierung am meisten der Schuh, Herr Eckert? 10. März 2026.
- gematik. Gesellschafter beschließen nächste Schritte zur Weiterentwicklung der Telematikinfrastruktur. 19. Juni 2026.
- Kassenärztliche Bundesvereinigung. Konnektoren: Update bis 30. September einspielen. 27. August 2026.



