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    Kennen Sie CoARA?

    08. September 2026

    Warum wir neu darüber sprechen müssen, wie Forschung bewertet wird

    Wer in der Medizin wissenschaftlich arbeitet, kennt das Spiel: Es zählt nicht nur, was erforscht wurde, sondern vor allem, wo es erschienen ist. Eine Publikation in einem renommierten Journal gilt noch immer als Karrierewährung. Impact Factor, h-Index, Zitationszahlen und Journal-Rankings prägen Berufungen, Drittmittelanträge, wissenschaftliche Reputation und nicht selten auch die Auswahl von Referenten für Kongresse oder Fortbildungen. Publish or perish.

    Doch diese Form der Bewertung steht zunehmend in der Kritik. Denn sie sagt oft mehr über das Publikationssystem aus als über die Qualität einer konkreten wissenschaftlichen Leistung. Genau hier setzt CoARA an – die „Coalition for Advancing Research Assessment“. CoARA ist ein internationales Bündnis von Forschungsorganisationen, Hochschulen, Förderern und wissenschaftlichen Einrichtungen, das sich für eine Reform der Forschungsbewertung einsetzt. Im Kern geht es um eine einfache, aber weitreichende Frage: Wie können wissenschaftliche Leistungen fairer, transparenter und sinnvoller beurteilt werden?

    Das Problem: Wir bewerten oft das Journal, nicht die Forschung

    Der Journal Impact Factor ist ursprünglich eine Kennzahl für Zeitschriften. Er beschreibt, wie häufig Artikel eines Journals im Durchschnitt zitiert werden. Für die Bewertung einzelner Wissenschaftler ist er jedoch ungeeignet. Ein guter Artikel kann in einem weniger prominenten Journal erscheinen. Ein schwacher Artikel kann in einem sehr angesehenen Journal stehen. Trotzdem wirkt der Name des Journals häufig wie ein Qualitätssiegel.

    Auch der h-Index ist nur begrenzt hilfreich. Er misst, wie viele Publikationen einer Person wie häufig zitiert wurden. Das klingt personenbezogener als der Impact Factor, bleibt aber problematisch: Der h-Index bevorzugt lange Karrieren, große Fächer, zitationsstarke Themen und etablierte Netzwerke. Er berücksichtigt kaum, ob jemand Erstautor, Letztautor oder einer von vielen Mitautoren war. Und er sagt wenig über methodische Qualität, klinische Relevanz, Reproduzierbarkeit oder Nutzen für die Versorgung.

    Noch grundsätzlicher ist die Frage: Warum haben einige wenige große Verlage eine so starke Position im wissenschaftlichen System? Medizinische Forschung wird häufig öffentlich oder gemeinnützig finanziert. Die Autoren werden in der Regel nicht vom Verlag bezahlt. Peer Review erfolgt meist ehrenamtlich. Und dennoch können Verlage hohe Gebühren für den Zugang oder für Open-Access-Publikationen verlangen. In manchen Fällen dürfen Autoren nicht einmal eigene Abbildungen ohne Genehmigung in späteren Lehr- oder Fortbildungsmaterialien verwenden. Das ist mehr als ein Ärgernis. Es verweist auf ein strukturelles Problem des heutigen Publikationssystems.

    CoARA: Mehr Qualität, weniger Scheingenauigkeit

    CoARA will wissenschaftliche Bewertung nicht abschaffen. Im Gegenteil: Forschung soll sorgfältiger, verantwortlicher und stärker nach ihren tatsächlichen Inhalten beurteilt werden. Der zentrale Gedanke lautet: Wissenschaftliche Qualität lässt sich nicht auf eine Zahl reduzieren. Stattdessen sollen unterschiedliche Beiträge zur Wissenschaft berücksichtigt werden. Dazu gehören nicht nur Journalartikel, sondern beispielsweise Studiendesign, Daten, Software, Leitlinienarbeit, Replikationsstudien, negative Ergebnisse, Wissenschaftskommunikation, Lehre, Mentoring, klinische Umsetzung und Beiträge zu Open Science.

    Für die Medizin ist das besonders wichtig. Ein methodisch solides Register, eine gute Versorgungsstudie, ein praxisnahes Fortbildungsformat oder ein Beitrag zu einer Leitlinie kann für Patienten relevanter sein als eine hoch zitierte Publikation zu einem Modethema. Trotzdem werden solche Leistungen im klassischen Bewertungssystem oft schlechter sichtbar. CoARA setzt deshalb auf eine Bewertung, bei der qualitative Begutachtung eine stärkere Rolle spielt und quantitative Indikatoren nur unterstützend eingesetzt werden. Metriken sollen nicht verschwinden. Aber sie dürfen das Denken nicht ersetzen.

    CoARA ist kein Open-Access- oder Urheberrechtsabkommen

    An dieser Stelle ist eine wichtige Abgrenzung notwendig. CoARA regelt nicht, wie Verlage ihre Lizenzverträge gestalten, welche Publikationsgebühren sie verlangen oder ob Autoren eigene Abbildungen später wiederverwenden dürfen. CoARA ist in erster Linie eine Initiative zur Reform der Forschungsbewertung.Trotzdem hängen beide Themen eng zusammen.

    Solange wissenschaftliche Karrieren stark davon abhängen, in bestimmten hochrangigen Journals zu publizieren, haben Wissenschaftler nur begrenzte Freiheit bei der Wahl des Publikationswegs. Wenn dagegen die Qualität und Bedeutung einer wissenschaftlichen Leistung stärker zählen als der Name des Journals, können auch Open-Science-Modelle, offene Daten und alternative Publikationsformen attraktiver werden. Für den unmittelbaren Zugang zu Forschungsergebnissen und den Erhalt von Nutzungsrechten sind andere Initiativen und Open-Access-Strategien zuständig. CoARA schafft dafür jedoch einen wichtigen Bewertungsrahmen: Wissenschaftler sollen nicht länger Nachteile haben, wenn sie sich für offenere Publikationswege entscheiden.

    Öffentlich finanzierte Forschung darf nicht privat eingeschlossen werden

    Damit bleibt die Frage des Zugangs zu wissenschaftlichen Ergebnissen bestehen. Wenn Forschung mit öffentlichen Mitteln finanziert wurde, sollte sie für Wissenschaft, Ärzte, Studierende und Öffentlichkeit möglichst frei zugänglich sein. Es ist schwer zu rechtfertigen, dass öffentlich finanzierte Forschung hinter Bezahlschranken verschwindet oder dass Autoren Rechte an eigenen Texten, Tabellen und Abbildungen so weitgehend abgeben müssen, dass spätere wissenschaftliche Nutzung genehmigungspflichtig wird. Open Access allein löst dieses Problem allerdings nicht vollständig. In vielen Fällen wurde die Paywall lediglich verschoben: Früher zahlten Bibliotheken für den Zugang, heute zahlen Institutionen oder Förderer teilweise erhebliche Publikationsgebühren. Das verbessert zwar den freien Zugang zum einzelnen Artikel, verändert aber nicht zwangsläufig die wirtschaftliche Struktur des Publikationsmarktes. Deshalb braucht es neben Open Access auch Rechteerhalt. Autoren sollten das Recht behalten, eigene wissenschaftliche Inhalte für Forschung, Lehre, Fortbildung, Leitlinienarbeit und Wissenstransfer weiterzuverwenden. Und öffentlich geförderte Forschung sollte nicht dauerhaft exklusiv in geschlossenen Publikationssystemen eingeschlossen werden.

    Warum das auch die ärztliche Fortbildung betrifft

    Auf den ersten Blick scheint CoARA vor allem ein Thema für Universitäten, Förderorganisationen und Berufungskommissionen zu sein. Doch die Grundfrage reicht weiter: Nach welchen Kriterien entscheiden wir eigentlich, wem wir wissenschaftliche Autorität zuschreiben? Auch in der ärztlichen Fortbildung spielen Reputation, Publikationslisten und institutionelle Zugehörigkeit eine Rolle. Das ist verständlich, aber nicht ausreichend. Für gute Fortbildung kommt es auf mehr an: fachliche Erfahrung, methodische Sorgfalt, didaktische Qualität, Unabhängigkeit, Aktualität, Transparenz und die Fähigkeit, wissenschaftliche Evidenz in klinisch relevante Handlungsperspektiven zu übersetzen. Ein Autor mit hohem h-Index ist nicht automatisch ein guter Fortbildungsautor. Eine Publikation in einem Journal mit hohem Impact Factor ist nicht automatisch klinisch relevant. Und eine weniger spektakuläre Studie kann für die Versorgungspraxis wichtiger sein als eine viel zitierte Grundlagenarbeit. Gerade deshalb passt die Debatte um die Reform der Forschungsbewertung gut in die medizinische Fortbildungslandschaft. Sie erinnert daran, dass wissenschaftliche Autorität nicht einfach aus Kennzahlen abgeleitet werden sollte.

    Was nun?

    Für Hochschulen, Kliniken, Förderer, Fachgesellschaften und Fortbildungsanbieter ergeben sich aus der CoARA-Debatte einige praktische Konsequenzen.

    • Erstens: Journal Impact Factors sollten nicht als Ersatzmaß für die Qualität einzelner Personen oder Arbeiten verwendet werden. Wer wissenschaftliche Leistungen beurteilt, sollte die Inhalte, den individuellen Beitrag und den jeweiligen Kontext berücksichtigen.
    • Zweitens: Bewertungsverfahren sollten breiter werden. Neben Publikationen zählen auch offene Daten, Replikationen, Leitlinienarbeit, Register, Versorgungsforschung, Lehrleistungen, Wissenstransfer und Beiträge zur wissenschaftlichen Infrastruktur.
    • Drittens: Wissenschaftler sollten ihre wichtigsten Beiträge erläutern können. Narrative Lebensläufe und kurze Darstellungen der eigenen wissenschaftlichen Rolle können aussagekräftiger sein als lange Publikationslisten.
    • Viertens: Bibliotheken und Forschungseinrichtungen sollten gegenüber Verlagen stärker auf Transparenz, faire Kosten und Rechteerhalt drängen. Es ist schwer vermittelbar, wenn öffentlich finanzierte Inhalte mehrfach bezahlt werden – durch Forschungsgelder, unbezahlte Autorenschaft und Peer Review, Bibliotheksetats und zusätzliche Publikationsgebühren.
    • Fünftens: Auch medizinische Fortbildungsanbieter sollten ihre eigenen Qualitätskriterien regelmäßig hinterfragen. Entscheidend ist nicht allein, wo jemand publiziert hat, sondern ob Inhalte unabhängig, aktuell, methodisch sauber und für die Versorgung relevant sind.

    CoARA ist keine technische Spezialdebatte der Wissenschaftsverwaltung. Es geht um eine Grundfrage: Wie erkennen und honorieren wir wissenschaftliche Qualität? Gerade in der Medizin ist diese Frage zentral. Denn wissenschaftliche Bewertung beeinflusst Karrieren, Forschungsschwerpunkte, Leitlinien und Fortbildung – und damit mittelbar auch die Patientenversorgung.

    Text: Redaktion arztCME
    Bild: OpenAI für arztCME

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