Für viele Praxen ist die Digitalisierung kein „spannendes Zukunftsthema“, sondern vor allem mit zusätzlichen Arbeitsaufwand, Kosten und Fehlerquellen verbunden – zumindest solange die Systeme nicht stabil laufen und reibungslos in den Praxisalltag integriert werden können.
Das Jahr 2026 wird vermutlich weniger durch signifikante Aha-Momente geprägt sein, sondern vielmehr die Entscheidung mit sich bringen, welche Maßnahmen tatsächlich zur Entlastung führen und welche lediglich neue Pflichten und Prozesse generieren. Der Fokus liegt nicht auf Innovationen, sondern auf einer hohen Alltagstauglichkeit: Eine intuitive Benutzerführung, die mit weniger Klicks auskommt, weniger Systemunterbrechungen verursacht und weniger Nacharbeit erfordert.
Die Dokumentation und der Arztbrief müssen zwingend die Kriterien Integration und Qualität erfüllen, um eine Entlastung zu gewährleisten. KI-Systeme, die aus Gesprächsinhalten oder Stichpunkten Entwürfe erstellen, wie beispielsweise Notizen, Arztbriefe, Befundzusammenfassungen oder Nachsorgehinweise, werden bis zum Jahr 2026 sichtbarer werden. Dies wird jedoch nicht ohne Weiteres vonstattengehen. In der Praxis entsteht der Aufwand häufig an anderer Stelle: Einrichtung, Anpassung an Fachsprache, Datenschutzprüfung, Schulung des Teams – und vor allem das ärztliche Gegenlesen. Entlastung entsteht nur, wenn drei Dinge gleichzeitig stimmen: Die KI muss nahtlos in die Praxissoftware und den bestehenden Workflow integriert sein und darf nicht als zusätzliche Insellösung nebenher laufen. Außerdem müssen die Vorschläge verlässlich sein – sonst frisst die Korrekturzeit den möglichen Gewinn sofort wieder auf. Und schließlich braucht es klare Regeln, wer welche Texte prüft, anpasst und freigibt. Fehlt einer dieser Punkte, wird KI schnell zu einem weiteren Tool, das man „auch noch“ bedienen muss.
Die ePA bleibt ein Organisationsthema – und für viele Praxen auch ein Reizthema, weil sie oft als Pflicht mit unklarem Nutzen erlebt wird. Entscheidend ist 2026 weniger die Debatte „pro/contra“, sondern die Frage: Wie verhindern wir, dass ePA/TI den Betrieb ausbremst? In vielen Praxen wird sich zeigen, ob ePA-Prozesse überhaupt stabil laufen: Welche Dokumente werden eingestellt, wer bereitet vor, wer prüft und signiert, wann passiert das (sofort oder gebündelt) – und ganz praktisch: Was ist der Plan bei Störungen? Praxen, die Rollen, Routinen und einen Fallback definieren, reduzieren Reibungsverluste. Ohne klare Abläufe bleibt ePA/TI ein Dauerstressor, der „nebenher“ mitläuft und täglich Zeit zieht.
Die digitale Kommunikation bietet zahlreiche Vorteile, beispielsweise die effiziente Bearbeitung von Patientenanfragen, die effektive Terminsteuerung und die zuverlässige Nachsorge. Digitale Prozesse können zu einer Entlastung führen, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass sie konsequent gesteuert werden. Andernfalls würde sich das Problem lediglich in die Nachrichtenkanäle verlagern, was zu einer unnötigen Doppelung der Kommunikationswege führen würde. Im Jahr 2026 wird es daher weniger um eine „digitale Umstellung um jeden Preis“ gehen, sondern um die Festlegung klarer Richtlinien: Welche Anliegen dürfen online gestellt werden, welche nicht? Das Ziel besteht nicht in der „automatisierten Diagnose“, sondern in einer verbesserten Planbarkeit und einer Reduzierung von Störungen im Sprechstundenablauf. Auch Nachsorgetexte können Rückfragen reduzieren, sofern sie medizinisch korrekt verfasst sind und die Praxis nicht in zusätzliche Erklärschleifen zwingen.
Die Nutzung von Apps, Wearables und die Durchführung von Verlaufskontrollen machen Daten leicht zugänglich, während die Verantwortung für deren sorgfältige Verwendung weiterhin besteht. Bei chronischen Erkrankungen ist ein Anstieg im Einsatz von Apps und Wearables zu verzeichnen. Das Kernproblem ist 2026 nicht die Verfügbarkeit, sondern die Verwertbarkeit: Welche Werte sind relevant? Welche Schwellen bedeuten einen Handlungsbedarf? In Fällen, in denen Leitplanken nicht vorhanden sind, tragen zusätzliche Messwerte nicht zu einer Verbesserung der Situation bei. Stattdessen tragen sie lediglich zu einer Steigerung der Arbeitsbelastung bei.
Im Hinblick auf den Datenschutz, die Verantwortung und die Rahmenbedingungen sehen wir uns mit einer Vielzahl an Anforderungen konfrontiert: Es entstehen mehr Papierdokumente, es müssen mehr Nachweise erbracht werden und es gibt vermehrt Fragestellungen von Seiten der Zulieferer. Die verstärkte Nutzung von KI erfordert die Schaffung sicherer Rahmenbedingungen, um die Integrität und Zuverlässigkeit der Systeme zu gewährleisten. Der EU AI Act tritt schrittweise in Kraft und ist ab dem 2. August 2026 allgemein anwendbar, wobei gestaffelte Fristen je nach Bereich gelten. Für die einzelne Praxis wird dies voraussichtlich weniger als Gesetzestext spürbar, sondern als neue Nachweis- und Auswahlpflicht. Dies bedeutet, dass Patientendaten nicht ohne einen klar definierten medizinischen Datenschutzrahmen in beliebige KI-Tools einbezogen werden dürfen. Was früher als „mal schnell ausprobieren“ abgetan wurde, könnte sich 2026 als Risiko erweisen – sowohl in technischer als auch in organisatorischer Hinsicht.
Fazit: Die Entscheidung wird nicht durch die nächste KI-Funktion, sondern durch die Entlastung fallen, die in der Regel mit Kosten verbunden ist. Lösungen, die vollständig integriert sind, Unterbrechungen minimieren und klare Verantwortlichkeiten ermöglichen, sind in der Regel besonders effektiv. Für Arztpraxen ist es oft sinnvoller, zwei bis drei Prozesse gezielt zu optimieren (z. B. Dokumentation/Arztbrief, ePA-Routine, strukturierte Patientenanfragen), statt eine Vielzahl von Tools parallel zu implementieren. Der Mehrwert generiert sich nicht durch KI an sich, sondern durch stabile Technik, klare Abläufe, belastbare Anbieterzusagen und realistische Stop-Kriterien, wenn der Aufwand den Nutzen übersteigt.
Text: Redaktion arztCME
Bild: ChatGPT, OpenAI, für arztCME
